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Räume des Phantastischen

Henning Kasbohm
10.05.2011
Aufbruch in fremde Welten(SoSe 11)

Eine grundsätzliche Frage der Literaturwissenschaft muss die nach ihrer Operationalisierbarkeit sein. Wer in einem Themenfeld wie der Phantastik forscht, sollte mithin einen Begriff davon haben, was eigentlich „phantastisch“ zu nennen sei und wie dieser Begriff wissenschaftlich nutzbar sei – und das muss immer auch heißen, wie die Phantastikforschung zur erkenntnisbringenden Analyse der literarischen Primärtexte beitragen kann. Nun ist der Forschungszweig weit von einer einheitlichen Terminologie oder einem mehr oder minder einheitlichen Phantastikbegriff entfernt. Gleichwohl bemühen die wissenschaftlichen Texte zum Thema häufig ein ähnliches Textcorpus – es scheint den unterschiedlichen definitorischen Ansätzen durchaus eine gemeinsame Grundlage zu eignen. Mein Ansinnen ist, einen im Zusammenhang  meiner im Entstehen begriffenen Dissertation ausgearbeiteten Phantastikbegriff vorzustellen, der, trotz einer der Phantastik inhärenten Notwendigkeit der wissenschaftlichen Chimäre in der Begriffsbestimmung, die theoretische Selbstreferentialität vermeidet und sich von einer etymologischen Basis ausgehend dem Forschungsgegenstand nähert. „Forschungsgegenstand“ bezeichnet in diesem Zusammenhang sowohl die Texte, auf welche sich die Phantastikforschung scheinbar intuitiv geeinigt hat, als auch die Begriffsbestimmung als solche. Die grundlegende Frage der Phantastikforschung muss lauten: Was ist „phantastisch?“ und ihre Antwort muss ein möglichst universell operationalisierbarer Begriff des Phantastischen sein. Ich werde daher klar benennbare Merkmale der Textstruktur bestimmen, durch die sich die Hervorbringung eines mit Fug und Recht als „phantastisch“ zu bezeichnenden Zustandes erklären lässt. Betont sei in diesem Zusammenhang das Prozesshafte des Phantastischen in der Literatur; ein Prozess, der, wie ich zeigen werde, maßgeblich mit dem ontologischen Zweifel zusammenhängt: Literatur wird phantastisch, wenn ihre Welt aus den Fugen geraten sein könnte. Sie oszilliert zwischen verschiedenen Räumen: sprachlichen Räumen, semantischen Räumen, „anderen Orten“ und unterschiedlichen Ordnungen. 

Die fraglichen Raummodelle sind die auf Lotman zurückgehende Raumsemantik und die Foucault'schen Heterotopien. Das Modell Lotmans ermöglicht, auf der Grundlage der narrativen Strukrur eines Textes dessen Phantastizität zu erklären und das Verhältnis der Charaktere der Geschichte zu einer erschütterten Weltordnung zu beschreiben und zu analysieren. Die beiden unterschiedlichen Konzeptionen der Heterotopien, die beide auf Foucault zurückzuführen sind, beschreiben auf sprachlicher wie räumlicher Ebene Orte, die der Ordnung zugleich ent- und widersprechen – sie festigen und subvertieren. Mein Ziel ist, zu zeigen, wie die raumspezifischen Theorien mit einem an der Struktur der erzählten Welt orientierten Begriff des Phantastischen korrelieren.

Da Phantastik häufig als eine der spezifischen kulturellen Äußerungen der literarischen Moderne beschrieben wird, möchte ich mich neben dem metawissenschaftlichen, „phantastologischen“ Aspekt besonders mit der Moderne verwandten Themen widmen. Hierzu gehören die Anthropophagie, Doppelgänger und Zombies. 

Ich möchte zeigen, inwieweit unterschiedlichen Kontexten entstammende, doch in vielerlei Hinsicht ähnlich geartete modernistische Konzepte nach denselben Mustern operieren und wie sich in der verdoppelnden wie einverleibenden „anthropophagen“ Ästhetik speziell mit Bezug auf die modernetypischen Themen der sexuellen Deviation und des „Wahnsinns“ Erkenntnis im Bezug auf das literarische Werk gewinnen lässt. Es soll hier jedoch weniger um die komparatistische Konstruktion der Chimäre einer allgemeinen Ästhetik der Moderne gehen, sondern vielmehr um die Klärung spezifischer Mechanismen der Darstellung des aus der tradierten Ordnung Herausfallenden. Während Doppelgänger sowohl ein beliebtes modernes Motiv sind und danebst ein Dauerbrenner der Literaturwissenschaft, sind Zombies eher eine Mode der zweiten Hälfte des 20. Jh. - allerdings sind Zombiekonzepte aus Philosophie und Bewusstseinsforschung durchaus brauchbare Mittel der Betrachtung der modernen Subjektkrise.

 

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