Video Catalog

Views: 1998

'This is the Sibyl's Cave': Prophezeiung und Fiktion bei Mary Shelleys The Last Man

Rebekka Rohleder
03.05.2011
Aufbruch in fremde Welten(SoSe 11)

In Mary Shelleys 1826 veröffentlichtem Roman über das Aussterben der Menschheit an einer Pestepidemie und mehreren Naturkatastrophen im späten 21. Jahrhundert, The Last Man, findet der auffallendste Einbruch des Fantastischen in eine bis dahin realistisch gezeichnete erzählte Welt nicht in der fernen Zukunft statt, sondern in der Gegenwart, in der die „Author’s Introduction“ angesiedelt ist, an einem genau bestimmten Tag (8. Dezember 1818) und Ort (Neapel). Die Erzählerfigur dieser Herausgeberfiktion berichtet nämlich, wie sie an diesem Tag die Höhle der Sibylle entdeckt habe und darin Blätter und Baumrinde mit Prophezeiungen in verschiedenen Sprachen, die sie mitgenommen und übersetzt habe. Diese Textfragmente hätten beim Zusammenfügen den Roman ergeben.

Das eigentlich Fantastische ist also dessen Erzählsituation selbst: Die Prophezeiungen, die einer aus Virgils Äneis, also einem anderen literarischen Text, entnommenen Prophetin zugeschrieben werden, werden von der Erzählerfigur zu einem Text gemacht, mit dessen Charakter als Fiktion oder ernstzunehmende Prophezeiung sie sich niemals explizit auseinandersetzt. Der Status des Erzählten innerhalb der fiktionalen Welt bleibt aber auch nach der „Author’s Introduction“ problematisch, wenn Lionel Verney, der Erzähler des Romans, mehrfach während des Erzählens zu vergessen scheint, dass er eigentlich der letzte Mensch ist und zum Beispiel den Leser direkt anspricht, den es ja aus seiner Sicht gar nicht mehr geben dürfte. Andererseits gibt es durch den Vorhersagestatus des Textes durchaus Leser, sogar innerhalb des Rahmens der „Author’s Introduction“ – nur sollte Verney das nicht wissen können. Die Erzählerfigur der Rahmenhandlung, deren eigener Beitrag zum Text ohnehin von unbestimmter Größe ist, weiß das dagegen sehr wohl.

Der Effekt dieser Erzählsituation funktioniert als eine Art Vexierbild: Es wird Distanz geschaffen zwischen der gegenwärtigen und wirklichen Welt und der zukünftigen und fiktionalen, wenn die Erzählerfigur der Rahmenhandlung aus gefundenen Manuskriptfragmenten einen Text zusammenübersetzt und -ediert. Es wird aber auch Nähe geschaffen – es soll sich ja um eine Prophezeiung handeln, also um eine im Roman als nichtfiktional betrachtete Textsorte, und gefunden wird die Prophezeiung in der realen Welt. Dieses Spannungsfeld ermöglicht es Shelley mit relativer Unverbindlichkeit gesellschaftspolitische Szenarien durchzuspielen, die einerseits sehr weit weg sind von der Realität, die andererseits aber durchaus direkten Bezug auf Debatten ihrer Zeit haben.

This video may be embedded in other websites. You must copy the embeding code and paste it in the desired location in the HTML text of a Web page. Please always include the source and point it to lecture2go!

Links

Citation2Go

Social Media