Video Catalog

Views: 3931

'Das Interessante liegt im Zwischen': Phantasmagorien der Migrationsliteratur

Aufbruch in fremde Welten(SoSe 11)

Innerhalb des Schwerpunktes der Interkulturellen Literaturwissenschaft bietet es sich vor dem Hintergrund, dass in der Migrationsliteratur verstärkt phantastische Elemente zu finden sind, an, diesem Phänomen innerhalb einer Vorlesungsreihe dezidiert nachzugehen. Da Migrationsautoren seit den 1980er Jahren einen besonders produktiven Beitrag zur deutschsprachigen Literatur ge-leistet haben, soll sich die Vorlesung der Frage widmen, inwiefern sich der Begriff des Phantastischen auch bei der Analyse ihrer Werke als nützlich erweist: Bedarf die Darstellung eines ‚clash of cultures‘, welche die Instabilität aller kulturellen Identitäten evident macht, der Vermittlung einer phantastischen Schreibweise?

Dabei ist es vor allem Renate Lachmanns Text, dessen Akzent auf dem Konstruktionscharakter kultureller Zuschreibungen liegt, der sich für eine Analyse der Migrationsliteratur anbietet: In ihrem historischen Abriss zur Phantastik konstatiert Lachmann, dass diese „etwas in die Kultur zurückholt und manifest macht, was den Ausgrenzungen zum Opfer gefallen ist“  und damit  an sich schon eine prinzipielle „Transformation in das Fremdkulturelle“  vollzieht. Ebenso wie in der Interkulturellen Literaturwissenschaft steht demnach die Kategorie des ‚Anderen‘  im Zentrum des Interesses. In einem ersten Abschnitt soll daher theoretisch in das Werk Lachmanns eingeführt werden, um einen Motivkatalog für die nachfolgende Analyse zweier einschlägiger Interkultureller Primärwerke zu entwerfen. Besonders bei Emine Sevgi Özdamar und Yoko Tawada berichten die Erzählerinnen in einem traumhaften, halluzinierenden Zustand vom Überall und Nirgendwo, dem ‚Zwischen’ der Kulturen, das die klassischen Kategorien von Raum, Zeit und Kausalität zu verzerren scheint. 

Darüber hinaus soll es auch um die Karnevalstheorie Michail Bachtins gehen, der hinsichtlich der Definition eines ‚grotesken Realismus’ auch mit Begrifflichkeiten um das Phantasmatische ope-riert und nicht zuletzt deshalb erwähnenswert ist, da Lachmann selbst ihre Theorien auf seinen Ausführungen aufgebaut hat.

Der Fokus liegt hierbei auf einer ‚Zerstückelung der Mutterzunge’, der Ablösung von der heimat-lichen Sprache, die in der Migrationsliteratur Anlass semiotischer Exzesse ist und damit Lachmanns Bestimmung der „Gegen- oder Kryptogrammatik des Phantastischen“  zu entsprechen scheint. Auch Bachtin nimmt eine von ihm konstatierte Vielsprachigkeit in der Renaissance als Anlass für die Beschreibung der Karnevalisierung der Literatur und damit auch einer Verschiebung in den Bereich des Phantastischen, denn hier „vollzog sich eine gegenseitige Orientierung, Einwirkung und Erhellung der Sprachen. [...] Jede der beiden Sprachen wurde sich ihrer Mög-lichkeiten und Schranken im Lichte der anderen Sprache bewusst. [...] Zwei Sprachen sind nämlich zugleich zwei Weltanschauungen.“ 

Anhand zweier Romane von Özdamar und Tawada soll der Einsatz von surrealistischen Bildverfahren und der Effekt von „Überseezungen“ nachvollzogen und so die Kernfrage erläutert werden, ob gerade die Phantastik in der Migrationsliteratur dasje-nige integrieren kann, „was eine gegebene Kultur [eigentlich] als Gegenkultur oder [sogar] Unkultur betrachtet“ .  

 

This video may be embedded in other websites. You must copy the embeding code and paste it in the desired location in the HTML text of a Web page. Please always include the source and point it to lecture2go!

Links

Citation2Go

Social Media