Wenn Frevelhaftigkeit Talent und Tugend begräbt: Andrea del Castagnos Neid auf Domenico Veneziano (Folge 4) - Dr. Jana Graul - University of Hamburg
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17.07.2025
Wenn Frevelhaftigkeit Talent und Tugend begräbt: Andrea del Castagnos Neid auf Domenico Veneziano (Folge 4)
Ein heimtückischer Mord an einem Maler, begangen auf offener Straße an einem Sommerabend in Florenz. Ein Täter, der sein Opfer grausam erschlägt; ein Opfer, das in den Armen eines Kollegen und (vermeintlichen) Freundes verstirbt. Tradiert wird diese Geschichte von dem Künstlerbiographen Giorgio Vasari in der Doppelvita der Maler Domenico Veneziano und Andrea del Castagno, die rund ein Jahrhundert vor ihm lebten. Doch was hat es mit der spektakulären Morderzählung auf sich? Was genau ist passiert? Wer sind Opfer und Täter? Und was hat all das mit der Kunst zu tun?
In dieser Folge steht mit dem Neid ein in der Renaissance als besonders verabscheuenswürdig aufgefasstes Laster im Mittelpunkt. Aber auch das seinerzeit hochgeschätzte Ideal der Freundschaft und künstlerische Qualitäten, allen voran die Fähigkeit der Täuschung, spielen eine wichtige Rolle. Seid vorgewarnt: hier ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint!
Kurzbiographien
Domenico Veneziano, eigentlich Domenico di Bartolomeo, ist um 1410 geboren und verstirbt im Alter von 54 Jahren. In der Florentiner Kunstszene nimmt Veneziano Mitte des 15. Jahrhunderts eine zentrale Stellung ein. Dennoch ist nicht viel über ihn bekannt. Beispielsweise ist unklar, wo er geboren wird und wo er in die Lehre geht. Da Veneziano seine Werke mit dem Zusatz “de Venetis“ - „aus Venedig” - signiert, wird angenommen, dass er aus der Lagunenstadt stammt. Seine Ausbildung dürfte aber zumindest in Teilen bereits in Florenz erfolgt sein. Sein bekanntestes heute überliefertes Gemälde ist ein Altarbild, das sich in den Uffizien in Florenz befindet und zu den Höhepunkten dieser Bildgattung zählt. Gezeigt wird die thronende Jungfrau Maria mit dem Kind im Zwiegespräch mit Heiligen, eine frühe Form der sogenannten “Sacra conversazione”, einer „Heiligen Unterhaltung“ (vgl. Link unten).
Andrea del Castagno erblickt 1419 in Castagno, einem kleinen toskanischen Dörfchen, das Licht der Welt und verstirbt mit nur 38 Jahren in Florenz an der Pest. Auch über seine Ausbildung ist nichts Genaueres bekannt. Im Jahr 1440 wird er von der Florentiner Stadtregierung damit beauftragt, Schandbilder von den entwichenen Rebellen der Anghiari-Schlacht auszuführen. Diese Schandbilder bestrafen die Dargestellten in Abwesenheit per Bild, indem sie sie erhängt zeigen. Der Auftrag bringt Castagno den Spitznamen „Andreino degl’Impiccati“ („Andreas-chen der Erhängten“) ein, der noch nach seinem Tod kursiert. Es folgen weitere Gemälde und großformatige Fresken für Kirchen und Klöster, darunter auch das monumentale gemalte Grabmonument des Niccolò Torrentino im Florentiner Dom. Castagnos Bilder zählen zu den Hauptwerken der Florentiner Malerei des 15. Jahrhunderts.
Links zu Künstler und Werk
Domenico Veneziano: Madonna mit Kind, um 1445, Tempera auf Holz, 209 x 216 cm, Uffizien, Florenz, https://de.wikipedia.org/wiki/Domenico_Venezian...
Andrea del Castagno: Grabmonument des Niccolò Tolentino, 1456, Fresko, 833 x 522 cm, Kathedrale Santa Maria del Fiore, Florenz, https://it.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Maur...
Weiterführende Literatur zum Thema
• Dunlop, Anne: Andrea del Castagno and the Limits of Painting, London 2015 (Renovatio artium 1).
• Graul, Jana: „Einleitung zum Leben des Andrea del Castagno“, in: Vasari, Giorgio: Das Leben des Filippo Lippi, des Pesello und Pesellino, des Andrea del Castagno und Domenico Veneziano und des Fra Angelico, hrsg. v. Jana Graul / Heiko Damm, Berlin 2011, S. 45-51.
• Graul, Jana: „Tanto lontano da ogni virtù“ Zu Konkurrenz, Neid und falscher Freundschaft in Vasaris Vita des Andrea del Castagno und Domenico Veneziano”, Kunsttexte (Nr. 1, 2012), https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php... (abgerufen am 16.04.2024).
• Graul, Jana: Neid. Kunst, Moral und Kreativität in der Frühen Neuzeit, München 2022.
• Nethersole, Scott: Art and violence in early Renaissance Florence, New Haven/ London 2018, S. 209-222.
• Rubin, Pat: Giorgio Vasari. Art and History, New Haven/London 1995.
• Vasari, Giorgio: Das Leben des Filippo Lippi, des Pesello und Pesellino, des Andrea del Castagno und Domenico Veneziano und des Fra Angelico, hrsg. v. Jana Graul / Heiko Damm, Berlin 2011.
Quellen
• Vasari, Giorgio: Le vite dei più eccellenti pittori, scultori e architetti (1550/1568), hrsg. v. Rosanna Bettarini/Paola Barocchi, Florenz 1966-1997.
• Vasari, Giorgio: Das Leben des Filippo Lippi, des Pesello und Pesellino, des Andrea del Castagno und Domenico Veneziano und des Fra Angelico, hrsg. v. Jana Graul / Heiko Damm, Berlin 2011.
Expertin
Dr. Jana Graul ist Kunsthistorikerin und lehrt an der Universität Hamburg, wo sie die Professur von Prof. Dr. Frank Fehrenbach vertritt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Kunst der Frühen Neuzeit, mit Fokus auf Italien und Europa, Europadiskurs und Kunstschaffen, sozialen, ästhetischen und theoretischen Fragen zu Moral und Kunst, Neidkonzeptionen, künstlerischen Selbstinszenierungsstrategien und Identitätskonstruktion, Affekt- und Streitkulturen sowie Medizin und Kunst. Sie ist Autorin des Buches: Neid. Kunst, Moral und Kreativität in der Frühen Neuzeit, München 2022 und hat sich dort wie auch an anderer Stelle eingehend mit der Vasaris Erzählung von Castagno und Veneziano befasst.
Credits
Autor: Tobias Techen, Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Hamburg (tobias.techen@uni-hamburg.de)
Redaktion, wissenschaftliche Betreuung und Lektorat: Dr. Jana Graul, Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Hamburg
Sprechende: Tobias Techen (Sprecher), Dr. Jana Graul (Expertin)
Hörspielelemente: Miskatonic Theater Ensemble
Schnitt: Vincent Nicholas Ellmers, Tobias Techen
Sound: Vincent Nicholas Ellmers
Musik Intro/ Outro: Tobias Hume (1569-1645), A Merry Meeting. Stefano Zanobini, Viola d’Amore. Mit freundlicher Genehmigung von NovAntiqua Records. Album verfügbar..
Grafik: Darius Wakilzadeh
Weitere Informationen und Bilder zur Folge gibt es hier:
https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/podcast_z...
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Der Podcast handelt von der künstlerischen Freiheit und ihren Grenzen im Italien des 15. bis 17. Jahrhunderts. In acht Folgen werden erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler vorgestellt, die sich nicht an die Regeln hielten und deren Lebenswandel oder Tun mit den Moralvorstellungen ihrer Zeit kollidierte, z.B. weil sie Geschlechterbilder hinterfragten, provozierten, spielsüchtig waren, neidisch, aggressiv, leidenschaftlich, gewalttätig, dem Alkoholkonsum zugeneigt oder schlichtweg, weil sie sich das Leben nahmen. Jede Folge präsentiert jeweils eine Künstlerpersönlichkeit und ein Vergehen. Wo lagen sie seinerzeit überhaupt, die Grenzen des moralisch Erlaubten? Wie streng ging man mit einem (vermeintlichen) künstlerischen 'Moralversagen' um? Traten Moralversagen und Kunstschaffen in Beziehung? Und wie sah man das damals: lassen sich Werk und Künstler trennen? „Zwischen Pinsel und Pranger“ ist ein Lehrprojekt des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg unter der Leitung von Dr. Jana Graul. Das Projekt wurde durch das Medienzentrum der Fachbereiche Sprache, Literatur, Medien I + II (Paul Voigt) und das Schreibzentrum (Dr. Mirjam Schubert) der Universität Hamburg begleitet. Unterstützt und gefördert wurde der Podcast durch die Gerda Henkel Stiftung, die Claussen-Simon-Stiftung und die Hamburg Research Academy. Redaktion: Jana Graul Idee und Konzept: Jana Graul, zusammen mit den Studierenden der Universität Hamburg Annett Beyer, Vincent Ellmers, Annika Hüther, Joana Laura Noack, Tobias Techen, Darius Wakilzadeh, Joachim H. Weihe und Katrin Lieselotte Witt Wissenschaftliche Betreuung: Jana Graul Technische Betreuung: Vincent Ellmers und Paul Voigt Ton, Technik und Schnitt: Vincent Ellmers, Sven Remer und Paul Voigt sowie die Autorinnen und Autoren der einzelnen Folgen Grafik: Darius Wakilzadeh Wissenschaftsjournalistische Beratung und Trainings: Georgios Chatzoudis und Christiane Zwick Sprecher Intro: Vincent Ellmers Musik Intro: Tobias Hume (1569-1645), A Merry Meeting. Stefano Zanobini, Viola d’Amore. Mit freundlicher Genehmigung von NovAntiqua Records. Album verfügbar auf: https://www.novantiqua.net/prodotto/A-Question-... Konzept und Herstellung Teaser: Vincent Ellmers und Annika Hüther
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Der Podcast handelt von der künstlerischen Freiheit und ihren Grenzen im Italien des 15. bis 17. Jahrhunderts. In acht Folgen werden erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler vorgestellt, die sich nicht an die Regeln hielten und deren Lebenswandel oder Tun mit den Moralvorstellungen ihrer Zeit kollidierte, z.B. weil sie Geschlechterbilder hinterfragten, provozierten, spielsüchtig waren, neidisch, aggressiv, leidenschaftlich, gewalttätig, dem Alkoholkonsum zugeneigt oder schlichtweg, weil sie sich das Leben nahmen. Jede Folge präsentiert jeweils eine Künstlerpersönlichkeit und ein Vergehen. Wo lagen sie seinerzeit überhaupt, die Grenzen des moralisch Erlaubten? Wie streng ging man mit einem (vermeintlichen) künstlerischen 'Moralversagen' um? Traten Moralversagen und Kunstschaffen in Beziehung? Und wie sah man das damals: lassen sich Werk und Künstler trennen? „Zwischen Pinsel und Pranger“ ist ein Lehrprojekt des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg unter der Leitung von Dr. Jana Graul. Das Projekt wurde durch das Medienzentrum der Fachbereiche Sprache, Literatur, Medien I + II (Paul Voigt) und das Schreibzentrum (Dr. Mirjam Schubert) der Universität Hamburg begleitet. Unterstützt und gefördert wurde der Podcast durch die Gerda Henkel Stiftung, die Claussen-Simon-Stiftung und die Hamburg Research Academy. Redaktion: Jana Graul Idee und Konzept: Jana Graul, zusammen mit den Studierenden der Universität Hamburg Annett Beyer, Vincent Ellmers, Annika Hüther, Joana Laura Noack, Tobias Techen, Darius Wakilzadeh, Joachim H. Weihe und Katrin Lieselotte Witt Wissenschaftliche Betreuung: Jana Graul Technische Betreuung: Vincent Ellmers und Paul Voigt Ton, Technik und Schnitt: Vincent Ellmers, Sven Remer und Paul Voigt sowie die Autorinnen und Autoren der einzelnen Folgen Grafik: Darius Wakilzadeh Wissenschaftsjournalistische Beratung und Trainings: Georgios Chatzoudis und Christiane Zwick Sprecher Intro: Vincent Ellmers Musik Intro: Tobias Hume (1569-1645), A Merry Meeting. Stefano Zanobini, Viola d’Amore. Mit freundlicher Genehmigung von NovAntiqua Records. Album verfügbar auf: https://www.novantiqua.net/prodotto/A-Question-... Konzept und Herstellung Teaser: Vincent Ellmers und Annika Hüther
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