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Religion – eine umstrittene Kategorie

51. Deutscher Historikertag(SoSe 16)

Religion ist eine umstrittene Kategorie. Wissenschaftliche Diskussionen verschiedenster Disziplinen drehen sich bis heute darum, wie sie als Analysekonzept zu fassen sei. In historischen und zeitgenössischen Glaubensdebatten war und ist der Begriff umkämpft. Er wandelte sich im 19. und 20. Jahrhundert grundlegend und der bis heute gültige universale Religionsbegriff entstand erst in diesem Zeitraum. Zugleich entwickelte sich das Konzept der Säkularisierung. Eine methodische Auseinandersetzung mit Religion und ihrem Gegenpol Säkularisierung als Analysekategorien öffnet einen Raum, darüber nachzudenken, wie religiöse Phänomene im 19. und 20. Jahrhundert beschrieben werden können, und kann Anregungen für die jüngsten Debatten über die Charakterisierung der Religionsgeschichte dieser Epoche bieten.
Die Säkularisierungsthese sowie die Gegenthese der Persistenz der Religion bestimmten jahrzehntelang die Diskussion. Der Glaubenskampf um beide Meistererzählungen scheint aber zu schwinden. Die empirische Gültigkeit von Säkularisierungstendenzen ist zumindest im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts nicht von der Hand zu weisen trotz der weiter bestehenden Wirkmächtigkeit von Religion. Diese Erkenntnis schafft Raum für nuanciertere Interpretationen, die beide Tendenzen zugleich in den Blick nehmen und das Verhältnis von Religion und Säkularität, von Sakralem und Profanem ins Zentrum des Interesses stellen. Anknüpfend an diese Debatten wird das geplante Panel den Begriff Religion und seinen Gegenpart Säkularisierung als Analysekategorien in den Mittelpunkt rücken und fragen, wie religiöse Phänomene in ihrer Pluralität im Zeitalter der Säkularisierung analysiert werden können. In der Zusammenschau verschiedener empirischer Beispiele aus unterschiedlichen Ländern und politischen Regimen soll das Panel eine Zwischenbilanz zu bestehenden Untersuchungskonzepten ziehen und dazu beitragen, das Verhältnis von Religion und Säkularisierung im 19. und 20. Jahrhundert weiter zu erhellen.

Lisa Dittrich, München:
Europäischer Antiklerikalismus zwischen Säkularisierung und religiöser Suche
Die Schwierigkeit religiöse Phänomene im Kontext von Säkularisierung adäquat zu beschreiben stellt sich geradezu paradigmatisch im Fall des Antiklerikalismus.  Antiklerikale stritten im Europa des 19. Jahrhunderts für Säkularisierung. Säkularisierung war hier kein automatischer Prozess der Moderne, sondern ein erkämpftes oder zu erkämpfendes Modell für Staat und Gesellschaft, in dem Kirchen und Religion eine geringere Rolle spielen sollten. Zugleich war der Antiklerikalismus, wie anhand von Beispielen aus Frankreich, Deutschland und Spanien deutlich wird, nicht antireligiös oder areligiös, sondern in ihm manifestierte sich konfessionsübergreifend auch eine Suche nach neuen Konzepten von Religion und Sakralisierungstendenzen. Damit erweist sich der Antiklerikalismus als Teil der Pluralisierung des religiösen Feldes.
Ausgehend von diesen Befunden zeigt der Beitrag in methodischer Hinsicht, dass nur ein flexibler Umgang mit den Begriffen Säkularisierung und Religion es ermöglicht, der Dynamik des Phänomens gerecht zu werden. Denn in den Kulturkämpfen selbst wurden beide Konzepte diskutiert. Darüber hinaus verdeutlicht der Beitrag die Notwendigkeit einer doppelten Perspektive. Im Falle historischer Phänomene, die wie der Antiklerikalismus am Rande der etablierten Religionsgemeinschaften angesiedelt waren, müssen einerseits die Selbstwahrnehmung der Zeitgenossen berücksichtigt und damit die Begriffe Religion und Säkularisierung historisiert werden. Anderseits kann nur mittels eines analytischen Zugriffs die Übernahme religiöser Traditionsbeständen nachgewiesen werden.

Martin Baumeister, Rom:
Sakralisierung der Politik und Politisierung der Religion in den europäischen Faschismen – Eine Historisierung des Konzepts der Politischen Religion
Der bis heute einflussreiche klassische, von Zeitgenossen geprägte Begriff der „politischen Religion“ der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts gründet auf einer eindimensionalen Säkularisierungsvorstellung, wonach die schwindende Bindekraft der überkommenen Religionen Raum geschaffen habe für eine Sakralisierung und Divinisierung säkularer Ordnungen wie Nation, Rasse und Klasse. Aktuelle Forschungen betonen dagegen die komplexen, widersprüchlichen Verschränkungen von Religion und Politik unter den fraglichen Regimen. Im Vortrag werden die Überlagerungen und Amalgamierungen, aber auch die Konkurrenz und Gegensätze zwischen „neuer“ Politik und tradierter Religion bzw. Kirche ausgehend vom Verhältnis zwischen dem italienischen Faschismus als Prototyp einer neuartigen Ideologie und Bewegung und dem Katholizismus mit vergleichenden Ausblicken auf den Nationalsozialismus und die iberischen Diktaturen analysiert und dabei die Unschärfe und widersprüchliche Vieldeutigkeit religiöser Semantiken in den zeitgenössischen Deutungskämpfen herausgearbeitet. Die Konjunktur der „politische Religion“ ist ein wichtiger Indikator nicht für den Bedeutungsverlust, sondern vielmehr für die wachsende Virulenz des Religiösen als Deutungs- und Legitimationskategorie unter dem Vorzeichen des Faschismus.

Heléna Tóth, Bamberg:
Religion als Ritual: Namensweihen in der DDR und in Ungarn
Als die Parteifunktionäre und die Mitglieder des kulturellen Establishments im sozialistischen Ost- und Mitteleuropa Ende der 1950er Jahre begannen, über die Einführung sozialistischer rites de passage nachzudenken, sahen sie sich mit verschiedenen Dilemmata konfrontiert. Auch wenn der Sozialismus bereits „real existieren“ sollte, bestanden weiterhin blinde Flecken im alltäglichen Leben, die nicht von der sozialistischen Kultur durchdrungen waren. Insbesondere die Kirchen hatten ihren Einfluss auf die rites de passage bewahren können: Taufe, Hochzeit und Beerdigung.
Sozialistische Staaten hatten in der Nachkriegszeit mit Religion als Institution gerungen. Nun setzten sie sich in einer neuen Phase des sogenannten „Kampfes zwischen den religiösen und säkularen Weltanschauungen“ mit Religion als Ritual auseinander. Man könnte argumentieren, dass die Parteifunktionäre jetzt erst gezwungen waren, sich damit zu beschäftigen, was Religion eigentlich leistet und wie. Ausgehend von Reden zu Namensweihen in Ungarn und der DDR widmet sich der Vortrag des von mir als „Schwellenproblem“ bezeichneten Phänomens. Während im christlichen Ritus die Taufe die Aufnahme der Person in die Gemeinschaft der Kirche markiert, kämpften die sozialistischen Ritualexperten darum, den Namensweihen einen vergleichbaren Sinn zu geben. Taufen sind in ihrer grundlegenden Bedeutung selbstverständlich rites de passage (von einem Status zum anderen). Die sozialistischen Ritualexperten mussten dagegen eine andere Schwelle für das neue Ritual erfinden, da die Babys als Staatsbürger eigentlich bereits mit ihrer Geburt Mitglieder der politischen Gemeinschaft waren.
Durch den vergleichenden Blick auf die unterschiedlichen Lösungen der Ritualexperten für das Schwellenproblem in Ungarn und der DDR wird die Vielfältigkeit der sozialistischen Kulturen verdeutlicht und die unterschiedlichen Funktionen der scheinbar gleichen Riten in den verschiedenen Staaten gezeigt. Darüber hinaus lädt das „Schwellenproblem“ dazu ein, grundsätzlich über die analytische Kategorie des Rituals nachzudenken. Aufbauend auf der Theorie des Rituals der Interaktion von Erving Goffmann und Peter A. Winns Theorie des rechtlichen Rituals schlägt der Vortrag eine dynamische Definition von Ritualen vor, welche uns erlaubt, sozialistische rites de passage als mehr zu denken als eine schlichte Ersetzung religiöser Rituale und zwar als ein konstitutiver Teil einer spezifischen politischen Kultur.

Lucian Hölscher, Bochum:
Säkularität zwischen Inkarnationstheologie und Religionsverachtung – die deutschen Großkirchen in der Nachkriegszeit
Die Bedeutung des Begriffs der ‚Religion’ ist in den modernen westlichen Gesellschaften bekanntlich nicht nur umstritten – Er ist sogar in sich widersprüchlich angelegt: D. h. positive Religionsbegriffe (die die Existenz des Göttlichen voraussetzen) schließen negative Religionsbegriffe (die die Existenz eines Göttlichen leugnen) in sich ein und umgekehrt. Beide sehen sich dadurch einem steten Bewährungsdruck gegenüber der je anderen Seite ausgesetzt.
Das Konzept der ‚Säkularisierung’, das in den letzten Jahrzehnten wegen seiner Vieldeutigkeit vielfach kritisiert worden ist, eignet sich wie kein anderes zur Vermittlung  zwischen beiden Seiten und zur Aufnahme der Vielfalt religiöser Bezüge zwischen religiöser Tradition und moderner Gesellschaft. Es ist deshalb als analytische Grundkategorie zur Beschreibung moderner Gesellschaften unverzichtbar.
Die christlichen Kirchen haben in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg einen vielseitigen Säkularisierungsprozess durchlaufen: Mitgliedschaft und Teilnahme an kirchlichen Riten waren insgesamt rückläufig, die Gottesbilder und dogmatischen Positionen haben sich pluralisiert, kirchliche Gruppen und Repräsentanten haben aber auch an gesellschaftlichem Ansehen und Einfluss gewonnen. Diesem ambivalenten Befund Rechnung zu tragen, stellt die Zeitgeschichte vor neue Herausforderungen.

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