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Religion und Gesellschaft in der Sowjetunion nach 1945

51. Deutscher Historikertag(SoSe 16)

Der Marxismus-Leninismus als offizielle Leitideologie des sowjetischen Herrschaftssystems in Osteuropa zwischen 1917 und 1991 verstand sich in einem wissenschaftsoptimistischen Sinne als logisch und empirisch letzte Wahrheit sowie als Überwinder spekulativer geglaubter Systeme wie der Religion. Politisch und gesellschaftlich wies er dieser eine rückwärtsgewandte, antiemanzipatorische und repressive Rolle zu.
Das Verhältnis der politisch Herrschenden in Russland, der Sowjetunion und ab 1945 den Staaten des „Ostblocks“ zu Kirchen, Konfessionen und Religionsgemeinschaften war ambivalent. Einerseits galten sie als Relikte einer überwundenen Epoche, als Störenfriede im Sozialismus und im äußersten Fall als zu liquidierende Gegner des siegreichen Kommunismus. Glaubende Menschen und Gemeinschaften sahen sich über Jahrzehnte einer staatlichen atheistischen Propaganda ausgesetzt, die der allmählichen Erosion der Religion dienen sollten. Zur Widerständigkeit dieser Menschen gegenüber dem politischen Systems trugen neben einer religionssoziologisch und kulturgeschichtlich begründeten Resilienz ihrer theologischen und narrativen Systeme auch ‒ wie im Falle der größeren Religionsgemeinschaften und Kirchen der Katholiken, Lutheraner, Juden oder Mennoniten ‒ internationale Verbindungen bei.
Andererseits können zwischen zentralistischer Bürokratie des Sowjetsystems und dezentral angelegten Strukturen verschiedener Religionsgemeinschaften neben konfrontativen auch Räume des Aushandelns von Kompromissen und gegenseitigen Lernens bis hin zu personellen Teilidentitäen ausgemacht werden, die religiöses Leben in der Sowjetunion differenzierter erscheinen lassen, als dies ein dichotomes Bild religiöser Unterdrückung auf der einen und religiös motivierten Widerstandes auf der anderen Seite lange Zeit vermittelte. Man spricht daher anstelle des Begriffs religiösen „Widerstandes“ inzwischen von einem religiösen „Eigen-Sinn“ (Alf Lüdke), der anstelle klarer Konfliktlinien auch gemeinsame Räume und kommunikative Schnittmengen zulässt.
An vier Beispielen sollen die Reichweite von Überzeugungssystemen, Handlungsräumen und Einflussmöglichkeiten religiöser konnektiver Subsysteme im sowjetischen Herrschaftsraum herausgearbeitet werden.

Riho Altnurme, Tartu:
Lutheraner in der Sozialistischen Sowjetrepublik Estland
Die Lutherische Kirche in Estland (und auch in den anderen Baltischen Staaten) geriet nach der sowjetischen Besetzung ihres Landes 1944 in eine Position, in der sie nicht nur keinen Einfluss mehr auf die Gesellschaft hatte, sondern auch kaum noch in der Öffentlichkeit sichtbar wurde. In den folgenden Jahrzehnte veränderten sich jedoch die Möglichkeiten. Das Paper untersucht die Veränderungen in den Beziehungen zwischen lutherischer Kirche und Gesellschaft in der Sowjetrepublik Estland während der Jahre des Sowjetregimes und die Spielräume, die die Kirche hatte, um das Weltbild der Menschen zu prägen und christliche Vorstellungen einzubringen.

Ulrike Huhn, Bremen:
Die Wiedergeburt der Ethnologie aus dem Geist des Atheismus. Zur Erforschung des „zeitgenössischen Sektierertums“ im Rahmen von Chruščevs antireligiöser Kampagne
Im Sommer 1959 begannen Moskauer Wissenschaftler mit Feldforschungen zu einem aus vielen Gründen äußerst sensiblen Gegenstand – dem „religiösen Sektierertum“. Diese sollten im Kontext der antireligiösen Kampagne einerseits der wissenschaftlich fundierten Verbesserung der Propaganda dienen. Andererseits mussten die Ethnographen mit dem Problem umgehen, wie sie als Atheisten im staatlichen Auftrag verlässliche Informationen von ihren Interviewpartnern erhalten konnten, die als Angehörige von „Sekten“ potentiell als „staatsfeindlich“ galten und verfolgt wurden. So entwickelten die sowjetischen Forscher im Feld Formen der teilnehmenden Beobachtung, deren Resultate zwar als äußerst ergiebig bewertet, aber zugleich als unwürdig für die Ehre von Parteimitgliedern und Komsomolzen kritisiert wurden. Untersucht wird das Zusammenspiel der verschiedenen Institutionen von Staat, Partei und Wissenschaft in einem Umbruchsmoment der methodischen Selbstverständigung in der sowjetischen Ethnographie der Tauwetter-Phase.

Victor Dönninghaus, Lüneburg:
Religiöser Dissens unter Russlanddeutschen während der Breschnew-Ära
Die Politik der Sowjetunion unter Leonid Brešnev gegenüber religiösen Organisationen unterlag ab Anfang der 1960er Jahre wesentlichen Veränderungen. Die politische Führung verzichtete auf den Anspruch eines raschen Aufbaus einer kommunistischen Gesellschaft und der Anpassungsdruck auf die Mehrheit der religiösen Organisationen, besonders die Russische Orthodoxe Kirche, wurde abgeschwächt. Kirchen, die sich parteikonform verhielten, erhielten größere Entfaltungsmöglichkeiten.
Nicht alle religiösen Organisationen waren mit der zugewiesenen gesellschaftlichen Nische zufrieden. Der Sowjetführung gelang es bis zum Ende der UdSSR nicht, religiöse Dissidenten protestantischer Gruppen und die Mehrheit der religiösen Russlanddeutschen, die weiter für Religionsfreiheit einstanden, gesellschaftlich zu „neutralisieren“ und sie zu Loyalität zu zwingen. Bis Ende 1989 verzichteten auf dem Gebiet der Russischen Föderation etwa 900 Gemeinden, etwa die Hälfte aller protestantischen Gruppierungen, auf die staatliche Registrierung. Nach den Aufzeichnungen des Rates für Religionsangelegenheiten beim Ministerrat der UdSSR bestanden die „extremistischen religiösen Vereinigungen“ zu 90 Prozent aus „Personen deutscher Nationalität“.
Das Paper untersucht einerseits Praktiken, Wertesytem, Mentalität, Schlüsselstrategien ihres religiösen Dissenses, zum anderen sollen Zielsetzungen der Brešnevs’schen Konfessionspolitik herausgearbeitet werden.

Frank Grüner, Heidelberg
Zwischen Repression und Emigration: Jüdisches Leben und religiöse Praxis in der Sowjetunion, 1945-1991
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zeigten sich in der Sowjetunion unter Stalin jüdische Religion und traditionelle Lebensweise in Auflösung begriffen. Der Zweite Weltkrieg und das ungeheure Ausmaß von Tod, Leiden und Zerstörung während der deutschen Besatzung führten jedoch zu neuer religiöser Aktivität aller Konfessionen, darunter auch der jüdischen Religion, die nach 1945 in gewissem Umfang erneut einen Raum jüdischer Identität und Kommunikation entwickelte. Das sowjetische Regime unterdrückte die Wiederbelebung jüdischen Lebens und Bekenntnisses, sei es religiöser oder nationaler Art. Dabei wiesen die verschiedenen Repressionswellen gegenüber der jüdischen Minderheit unter Stalin, Chruščev und Brežnev zwar eine dezidiert antisemitische oder „antizionistische“ Stoßrichtung auf, richteten sich jedoch immer auch gegen das jüdisch-religiöse Bekenntniss.
Das Paper untersucht die verschiedenen Entwürfe und Phasen sowjetischer Herrschaftspraxis gegenüber den Juden und der jüdischen Religion zwischen 1945 und 1991 und hinterfragt den Stellenwert religiösen Bekenntnisses und religiöser Praxis für die sowjetischen Juden zwischen Repression durch und Emigration aus dem Sowjetstaat.

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