Im Rausch der Kunst: die Bentvueghels zwischen Trunksucht und Inspiration (Folge 8) - Dr. Jana Graul - Universität Hamburg
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- Zwischen Pinsel und Pranger. Ein Podcast über Kunst und Moral im Italien der Frühen Neuzeit
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18.12.2025
Im Rausch der Kunst: die Bentvueghels zwischen Trunksucht und Inspiration (Folge 8)
Rom, 1620: In den Tavernen der Stadt versammeln sich junge Niederländer, um in einer berühmt-berüchtigten Künstlergemeinschaft Aufnahme zu finden – den Bentvueghels. Deren ausgelassene Initiationsfeiern, „Bent-Taufen“ genannt, dauern oft mehr als vierundzwanzig Stunden, in denen viel Alkohol fließt und freudvoll, teils im Exzess und mit derbem Humor, das Leben und die Kunst gefeiert werden, u.a. durch die Inszenierung lebendiger Kunstwerke. Einige Zeitgenossen sind vom Verhalten der Fremden empört, die kirchliche Obrigkeit misstraut ihnen, und doch zieht die Bruderschaft über Jahrzehnte hunderte Maler, Bildhauer und Dichter an. Bei ihren Taufen verhöhnen sie auch katholische Zeremonien – ein Affront gegen die Kirche? Und was hat es mit dem Dauerrausch dieser Künstler auf sich? Bloß exzessive Entgleisung in der Fremde, oder doch tieferes künstlerisches Programm?
Kurzbiographie
Die Schildersbent (dt. “Malergruppe”) ist eine lose organisierte, freie Gemeinschaft hauptsächlich niederländischer und teils auch deutscher Künstler, die in der Zeit von 1620 bis 1720 in Rom aktiv war und sich selbst Bentvueghels (dt.: “Bande von freien Vögeln”) nannte. Ihre Mitglieder kommen zum Studium der antiken und modernen Kunst nach Rom und sind in der Regel zwischen 20 und 24 Jahre alt. Für viele unter ihnen ist die Künstlervereinigung die erste Anlaufstelle in der Ewigen Stadt – eine Art Ersatzfamilie in der Fremde und zugleich Netzwerk, Ort für Austausch und gegenseitige Unterstützung. Die unkonventionellen Werke der Mitglieder der Gruppierung sind schon bald nach ihrer Gründung in ganz Europa bekannt, was viele weitere reisende Künstler anzieht. In ihren besten Zeiten zählen die Bentvueghels um die fünfhundert Mitglieder, darunter später berühmt gewordene Namen wie Arnold Houbraken, Pieter van Laer, Samuel van Hoogstraten und der deutsche Maler Joachim von Sandrart.
Ein anschauliches Beispiel dafür, wie man sich die Bildschöpfungen der Gruppe vorstellen kann, liefert eine Zeichnung des holländischen Malers Pieter van Laer, die ausschnitthaft im Folgencover zu sehen ist. Sie zeigt eine Gruppe von Bentvuegels in einer Taverne: während einige von ihnen zu streiten scheinen, ist die Mehrzahl beim ausgelassenen Trinken, Rauchen, Feiern und Spielen dargestellt. Ein Maler wendet sich links der mit Zeichnungen überzogenen Tavernenwand zu, wohl in der Absicht, sich seinerseits zu verewigen. Indes prangt auf der rechten Seite bedrohlich ein Bild des Teufels, der sich einem Skelett zuwendet, das wiederum ein Stundenglas, Symbol der Vergänglichkeit, in Richtung der Betrachtenden hält.
Link zu besprochenem Werk
https://recherche.smb.museum/detail/847311/bent...
Weiterführende Literatur
• Breuer, Ingo: „Kreativität der Saufteufel“, in: Die sieben Todsünden, hrsg. v. ders., Sebastian Goth, Björn Moll, Martin Roussel, Paderborn 2015, S. 343-378.
• Emmerling-Skala, Andreas: Bacchus in der Renaissance, 2 Bde., Hildesheim, 1994.
• Girometti, Stefania: In Italien Karriere machen. Der flämische Maler Michele Desubleo zwischen Rom, Bologna und Venedig (ca. 1624-1664), Heidelberg 2022.
• Heinz, Andreas/Daedelow, Laura S.: Alkohol als Kulturgut – eine historisch-anthropologische und therapeutische Perspektive auf Alkoholkonsum und seine soziale Rolle in westlichen Gesellschaften, in: Bundesgesundheitsblatt, 64 (2021), S. 646-651.
• Helmus, Liesbeth M.: De Bentvueghels – een berucht kunstgenootschap in Rome 1620-1720, Amsterdam 2023.
• Hoogewerff, Godefridus J.: De Bentvueghels, Den Haag 1952.
• Lottermoser, Martin: “Zu den Zeichnungen der Bentvuegehls im Dresdener Kupferstich-Kabinett“, in: Dresdener Kunstblätter, 67.3 (2023), S. 4-13.
• Mocny, Johanna: „hoe schilder hoe wilder – Alkoholkonsum von Malern in den Künstlerviten des Karel van Mander“, in: Metabolismen - Nahrungsmittel als Kunstmaterial, hrsg. v. Isabella Augart, Ina Jessen, Hamburg 2019, S. 145-160.
• Moffitt, John F.: Inspiration. Bacchus and the cultural history of a creation myth, Leiden 2005.
• Morel, Philippe: Renaissance dionysiaque. Imaginaire du vin et de la vigne dans l'art européen de la Renaissance, Paris 2015.
• Roberts, Benjamin B.: Sex, drugs and rock ‘n’ roll in the Dutch Golden Age,
Amsterdam 2012.
• Tacke, Andreas: ”… auf Niederländische Manier“. Sandrarts römische Willkommensfest im Lichte der Künstlersozialgeschichte, Heidelberg 2009.
• Watzl, Hans/ Manfred V. Singer: „Alkohol und Alkoholismus: Kulturgeschichtliche Anmerkungen“, in: Alkohol und Alkoholfolgekrankheiten. Grundlagen, Diagnostik, Therapie, hrsg. v. Manfred V. Singer, Stephan Teyssen, Berlin 1999, S. 1-10.
Quellen
• Gool, Johan van: De Nieuwe Schouburg Der Nederlantsche Kunstschilders En Schilderessen, Band 2, Greevenhagen, 1751.
• Mander, Karel van: Het schilder-boeck, waerin voor eerst de leerlustighe iueght den grondt der edel vry schilderconst in verscheyden deelen wort voorghedraghen …, Haarlem 1604.
• Mander, Carel van: Das Leben der niederländischen und deutschen Maler (von 1400 bis ca. 1615), übersetzt von Hanns Floerke, München/ Leipzig 1906.
• Mander, Karel van: Das Lehrgedicht des Karel van Mander. Text, Übersetzung und Kommentar nebst Anhang über Manders Geschichtskonstruktion und Kunsttheorie, hrsg. v. Rudolf Hoecker, Den Haag, 1916.
• Rulant, H.: Satyra of Schimpdicht. Prijsende den Godt Bacchuys, of ’t Droncken drincken, Amsterdam 1632.
Expertinnen und Experten
Prof. Dr. Philippe Morel ist emeritierter Professor für Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit an der Université Paris I Panthéon-Sorbonne. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der italienischen Kunst der Renaissance und des Manierismus, insbesondere auf magisch-astrologischen Bildwelten, auf der Vorstellungswelt der Grotesken, dionysischer Ikonographie sowie Fragen der Mystik und Bildwahrnehmung. Für die Podcastfolge besonders einschlägig ist sein Buch Renaissance dionysiaque. Imaginaire du vin et de la vigne dans l'art européen de la Renaissance (Paris 2015), das die Rolle der bacchantischen Inspiration in der europäischen Renaissancekunst untersucht.
Dr. Anna Magnago Lampugnani ist Wissenschaftliche Assistentin an der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom. In ihren Forschungen beschäftigt sie sich hauptsächlich mit Themen der Kunsttheorie der Frühen Neuzeit, mit Rahmen und - und Ornamentphänomen sowie mit künstlerischen Austauschprozessen zwischen Spanien und Süditalien. Sie ist Autorin des für die Podcastfolge einschlägigen Buches Furor. Vorstellungen künstlerischer Eingebung in der Frühen Neuzeit (München 2020), in dem sie untersucht, welche Rolle der furor als Vorstellung von künstlerischer Eingebung für das frühneuzeitliche Verständnis von Kreativität spielte.
Credits
Autor: Vincent Ellmers
Redaktion, wissenschaftliche Betreuung und Lektorat: Dr. Jana Graul
Sprecherinnen und Sprecher: Vincent Ellmers (Sprecher), Prof. Dr. Phillipe Morel (Experte), Dr. Anna Magnago Lampugnani (Expertin), Miskatonic Theater Hamburg (Szenen), Justin Lange (Deutsches Voice Over Prof. Dr. Philippe Morel)
Schnitt und Sound: Vincent Ellmers
Grafik: Darius Wakilzadeh
Weitere Informationen und Bilder zur Folge gibt es hier:
https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/podcast_z...
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Der Podcast handelt von der künstlerischen Freiheit und ihren Grenzen im Italien des 15. bis 17. Jahrhunderts. In acht Folgen werden erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler vorgestellt, die sich nicht an die Regeln hielten und deren Lebenswandel oder Tun mit den Moralvorstellungen ihrer Zeit kollidierte, z.B. weil sie Geschlechterbilder hinterfragten, provozierten, spielsüchtig waren, neidisch, aggressiv, leidenschaftlich, gewalttätig, dem Alkoholkonsum zugeneigt oder schlichtweg, weil sie sich das Leben nahmen. Jede Folge präsentiert jeweils eine Künstlerpersönlichkeit und ein Vergehen. Wo lagen sie seinerzeit überhaupt, die Grenzen des moralisch Erlaubten? Wie streng ging man mit einem (vermeintlichen) künstlerischen 'Moralversagen' um? Traten Moralversagen und Kunstschaffen in Beziehung? Und wie sah man das damals: lassen sich Werk und Künstler trennen? „Zwischen Pinsel und Pranger“ ist ein Lehrprojekt des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg unter der Leitung von Dr. Jana Graul. Das Projekt wurde durch das Medienzentrum der Fachbereiche Sprache, Literatur, Medien I + II (Paul Voigt) und das Schreibzentrum (Dr. Mirjam Schubert) der Universität Hamburg begleitet. Unterstützt und gefördert wurde der Podcast durch die Gerda Henkel Stiftung, die Claussen-Simon-Stiftung und die Hamburg Research Academy. Redaktion: Jana Graul Idee und Konzept: Jana Graul, zusammen mit den Studierenden der Universität Hamburg Annett Beyer, Vincent Ellmers, Annika Hüther, Joana Laura Noack, Tobias Techen, Darius Wakilzadeh, Joachim H. Weihe und Katrin Lieselotte Witt Wissenschaftliche Betreuung: Jana Graul Technische Betreuung: Vincent Ellmers und Paul Voigt Ton, Technik und Schnitt: Vincent Ellmers, Sven Remer und Paul Voigt sowie die Autorinnen und Autoren der einzelnen Folgen Grafik: Darius Wakilzadeh Wissenschaftsjournalistische Beratung und Trainings: Georgios Chatzoudis und Christiane Zwick Sprecher Intro: Vincent Ellmers Musik Intro: Tobias Hume (1569-1645), A Merry Meeting. Stefano Zanobini, Viola d’Amore. Mit freundlicher Genehmigung von NovAntiqua Records. Album verfügbar auf: https://www.novantiqua.net/prodotto/A-Question-... Konzept und Herstellung Teaser: Vincent Ellmers und Annika Hüther
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Der Podcast handelt von der künstlerischen Freiheit und ihren Grenzen im Italien des 15. bis 17. Jahrhunderts. In acht Folgen werden erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler vorgestellt, die sich nicht an die Regeln hielten und deren Lebenswandel oder Tun mit den Moralvorstellungen ihrer Zeit kollidierte, z.B. weil sie Geschlechterbilder hinterfragten, provozierten, spielsüchtig waren, neidisch, aggressiv, leidenschaftlich, gewalttätig, dem Alkoholkonsum zugeneigt oder schlichtweg, weil sie sich das Leben nahmen. Jede Folge präsentiert jeweils eine Künstlerpersönlichkeit und ein Vergehen. Wo lagen sie seinerzeit überhaupt, die Grenzen des moralisch Erlaubten? Wie streng ging man mit einem (vermeintlichen) künstlerischen 'Moralversagen' um? Traten Moralversagen und Kunstschaffen in Beziehung? Und wie sah man das damals: lassen sich Werk und Künstler trennen? „Zwischen Pinsel und Pranger“ ist ein Lehrprojekt des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg unter der Leitung von Dr. Jana Graul. Das Projekt wurde durch das Medienzentrum der Fachbereiche Sprache, Literatur, Medien I + II (Paul Voigt) und das Schreibzentrum (Dr. Mirjam Schubert) der Universität Hamburg begleitet. Unterstützt und gefördert wurde der Podcast durch die Gerda Henkel Stiftung, die Claussen-Simon-Stiftung und die Hamburg Research Academy. Redaktion: Jana Graul Idee und Konzept: Jana Graul, zusammen mit den Studierenden der Universität Hamburg Annett Beyer, Vincent Ellmers, Annika Hüther, Joana Laura Noack, Tobias Techen, Darius Wakilzadeh, Joachim H. Weihe und Katrin Lieselotte Witt Wissenschaftliche Betreuung: Jana Graul Technische Betreuung: Vincent Ellmers und Paul Voigt Ton, Technik und Schnitt: Vincent Ellmers, Sven Remer und Paul Voigt sowie die Autorinnen und Autoren der einzelnen Folgen Grafik: Darius Wakilzadeh Wissenschaftsjournalistische Beratung und Trainings: Georgios Chatzoudis und Christiane Zwick Sprecher Intro: Vincent Ellmers Musik Intro: Tobias Hume (1569-1645), A Merry Meeting. Stefano Zanobini, Viola d’Amore. Mit freundlicher Genehmigung von NovAntiqua Records. Album verfügbar auf: https://www.novantiqua.net/prodotto/A-Question-... Konzept und Herstellung Teaser: Vincent Ellmers und Annika Hüther
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