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Achtsamkeit und Selbstbezogenheit – eine Kritik aus gesellschaftspolitischer Sicht
Hartmut Rosa
27.10.2016
Achtsamkeit – kritischer Blick auf einen Trend(WiSe 16/17)
Die moderne Gesellschaft steuert auf ein kollektives Burn-out zu. Die Beschleunigung unseres Lebens bringt keinen Zeitgewinn, sondern weitere Zeitnot. Menschen halten nach immer neuen Konsumgütern und Optionen Ausschau, haben aber keine Erfahrung von Resonanz und Lebendigkeit mehr.
Meist ziehen diese oder ähnliche Feststellungen es nach sich, dass als nächstes die Achtsamkeit als Möglichkeit der Entschleunigung ins Spiel gebracht wird. Der Vortrag untersucht daher in einem ersten Teil, inwiefern Achtsamkeit überhaupt geeignet sein kann, das Beschleunigungsproblem zu lösen — vor allem aber, wo die Grenzen ihrer Möglichkeiten liegen. Denn wenn die Verantwortlichkeit für gelingende Weltbeziehungen allein beim achtsamen Individuum liegt, findet sich der gesellschaftliche Kontext völlig ausgeblendet.
Die Herauslösung aus den sozialen Verhältnissen meint aber gleichzeitig die Nichtbeachtung der gesamtgesellschaftlichen Krisen von Wirtschaft, Demokratie und Ökologie. Erschwerend hinzu kommt die ökonomische Verwertung des Achtsamkeitskonzeptes: Rund um Achtsamkeitspraxtiken wie MBSR haben sich mittlerweile ganze Industriezweige angesiedelt, welche — allen Lippenbekenntnissen ihrer Vertreter zum Trotz — die Zwanghaftigkeit und Destruktivität des Beschleunigungssystems nur noch weiter stützen. Achtsamkeit trägt, so ließe es sich zugespitzt formulieren, zur allgemeinen Entfremdung des Subjekts nicht nur von sich selbst, sondern von der Gesellschaft insgesamt bei.
Doch was könnten Alternativen sein? Wie lässt sich Entfremdung überwinden? Mit Blick auf diese sozialphilosophische Zeitdiagnose versucht der zweite Teil des Vortrags, das Resonanzkonzept als eine mögliche Grundlage und einen Kompass für ein besseres Leben anzubieten und dafür die Sphären der Arbeit, der Liebe, der Kunst und der Natur, aber auch der Religion und der Demokratie auf ihre Resonanzqualitäten hin zu überprüfen.
Prof. Dr. Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Direktor des Max-Weber-Kollegs, Erfurt

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