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02.10.2021

Revolte im Erziehungshaus – Heimerziehung als pädagogisches Konfliktfeld (WiSe 21/22 Projektstudium im FüB)

Liebe Kommiliton*innen, im kommenden Semester startet im FüB ein neuer Durchgang des studentisch erstrittenen Projektstudiums „Uni in gesellschaftlicher Verantwortung“. Wir möchten Euch zu diesem, nunmehr fünften, Durchgang herzlich einladen! In Kürze könnt Ihr Euch im Wahlpflichtbereich dafür anmelden. Uns alle erwartet dann die Umsetzung eines Theaterprojektes, bei dem wir uns mithilfe des forschenden Lernens am Puls eines pädagogischen wie gesellschaftlich brisanten Konfliktes bewegen und die Einheit von Theorie und Praxis neu ausloten wollen. Worum geht’s? In diesem auf drei Semester angelegten Projektstudium wollen wir uns mit den historischen und aktuellen Konflikten um die (geschlossene) Heimerziehung auseinandersetzen und das Theaterstück „Revolte im Erziehungshaus“ (1928) aktualisieren und zur Aufführung bringen. In Heimen der Fürsorgeerziehung wurden seit jeher arme und Arbeiterkinder und -jugendliche untergebracht. Meist wurde mit besonderer Härte versucht, sie an die bürgerliche Ordnung anzupassen, indem sie schwere Arbeit in der Landwirtschaft oder im Torfabbau leisten mussten. Schon in dem Werk „Gefesselte Jugend in der Zwangsfürsorgeerziehung“ (August Brandt) von 1929 heißt es: „Die Fürsorgeerziehung ist in ihrer ganzen Bedeutung eine soziale und damit eine politische Angelegenheit. Sie ist eine soziale Angelegenheit, weil dieser Klassenstaat nichts tut, um die Ursachen der Verwahrlosung breiter proletarischer Kinderschichten zu verhüten […], sondern sie im Verlauf ihrer Entwicklung sich selbst überläßt, sie hungern, frieren und auch schwer arbeiten läßt, sie dem Wohnungselend mit allen seinen gesundheitlichen und sittlichen Schäden preisgibt, um dann, wenn dem Jugendlichen durch diese soziale Barbarei die Jugend zerstört wurde, ihn von Staatswegen durch Zwangserziehung zu 'befürsorgen'. […]“ Die Heimrevolten in der Weimarer Republik werden in dem Theaterstück „Revolte im Erziehungshaus“ von Peter Martin Lampel aus dem Jahr 1928 thematisiert. Das Stück, das an die 500 Mal gespielt wurde und für große öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt hat, basiert auf Lampels Hospitation in der preußischen Fürsorgeanstalt Struveshof bei Berlin und auf seinen darauf aufbauenden Studien „Jungen in Not“. Die Berichte ergaben das Bild unzureichend geleiteter, von veralteten Erziehungsvorstellungen beherrschter Erziehungsheime. Lampel hat die Veröffentlichung seiner Studien als kämpferischen Akt verstanden, um die in dem Bereich nur langsam anlaufenden Reformbewegungen voranzutreiben: „Die bürgerliche Fürsorge bedarf einer umwälzenden und schleunigsten Veränderung.“ (aus dem Vorwort von „Jungen in Not“) Nachdem in den 1960er/70er Jahre im Rahmen der „Heimkampagne“ die Situation in den Heimen der Nachkriegs-BRD kritisiert wurde, kam es zu Veränderungen in diesem Arbeitsfeld. Die Konflikte darum ziehen sich jedoch bis in die Gegenwart hinein. Auch heute noch werden Kids aus (besonders) prekären Lagen in (geschlossener) Heimerziehung, die sich häufig durch gängelnde Stufen- und Phasenmodelle sowie eine zunehmende Psychiatrisierung auszeichnet, untergebracht. Beispiele für aktuelle Auseinandersetzungen in diesem Bereich sind die erfolgreichen Kämpfe für die Schließung der Heime der Haasenburg GmbH in Brandenburg (2013), das Tribunal über die Verletzung von Kinderrechten in der Heimerziehung („Dressur zur Mündigkeit?“) des AKS Hamburg und des Aktionsbündnisses gegen geschlossene Unterbringung (2018) sowie die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um geplante (geschlossene) Kooperationseinrichtungen zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe in Bremen, Sachsen und aktuell auch in Hamburg. Zum Projektvorhaben: In den drei Semestern wollen wir uns mit der umkämpften Geschichte der Heimerziehung auseinandersetzen (auch über Filme, wie z.B. „Bambule“, „Freistatt“, die Dokumentation des Tribunals „Dressur zur Mündigkeit?“) und uns das Theaterstück „Revolte im Erziehungshaus“ aneignen, es diskutieren, aktualisieren und inszenieren. Das Theaterstück soll ins Verhältnis zu den aktuellen Kämpfen um die Abschaffung (geschlossener) Heimerziehung und für demokratische Alternativen gestellt und mit aktuellen Sequenzen ergänzt werden. Dafür wird die Kooperation mit von Heimerziehung Betroffenen bzw. jungen Erwachsenen/Careleavern gesucht werden. Im weiteren Verlauf der drei Semester werden wir die Kooperationen ausbauen und den Schwerpunkt auf die Aktualisierung des Stücks und die Inszenierung sowie die Proben legen, wozu auch gehört das Bühnenbild zu bauen, Requisiten zu erstellen und Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Am Ende des dritten Semesters soll die Premiere des Theaterstücks stattfinden. Für die Workshops mit den von Heimerziehung betroffenen Jugendlichen sowie die Proben ist (insbesondere im dritten Semester) mehr Zeit einzuplanen. Die konkreten Termine werden gemeinsam im Seminar verabredet. Theaterkenntnisse sind keine Voraussetzung, dafür aber ein Interesse an dem Thema und die Bereitschaft sich an der Theaterinszenierung einzubringen (wozu auch Regie, Bühnenbau, Requisite etc. gehört). Grundsätzliches zum Projektstudium findet Ihr hier: https://aufbruch.blogs.uni-hamburg.de/projektstudium/ Wir freuen uns auf Euch! Literaturauswahl (zur Vorbereitung): Brandt, August (Reichssekretariat der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH)) (1929): Gefesselte Jugend in der Zwangsfürsorgeerziehung (1929), online: https://archive.org/details/gefesselte-jugend-in-der-zwangsfursorgeerziehung-1929 Meinhof, Ulrike (1966): „Heimkinder in der Bundesrepublik - Aufgehoben oder abgeschoben?“, Frankfurter Hefte. Zeitschrift für Kultur und Politik 21, Nr. 9 (1966), S. 616-626, online: https://archive.org/details/MeinhofUlrikeHeimkinderInDerBRD1966 Kunstreich, Timm: Grundkurs Soziale Arbeit (2 Bände), online: https://www.timm-kunstreich.de/publikationen/ Degener, Lea / Kunstreich, Timm / Lutz, Tilman / Mielich, Sinah / Muhl, Florian / Rosenkötter, Wolfgang / Schwagereck, Jorrit (2020): Dressur zur Mündigkeit? Über die Verletzung von Kinderrechten in der Heimerziehung, Beltz Juventa, abrufbar über den Campus-Katalog
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